Wirtschaftskriminalität – Die wichtigsten Fragen verständlich erklärt
- 1. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Wirtschaftskriminalität ist ein Thema, das viele Unternehmen unterschätzen, bis es sie selbst trifft. In diesem Beitrag beantworte ich die häufigsten Fragen rund um Wirtschaftskriminalität, Betrug, Korruption und interne Täter. Ziel ist es, Klarheit zu schaffen, Risiken greifbar zu machen und konkrete Handlungsansätze aufzuzeigen.
Was ist Wirtschaftskriminalität?
Wirtschaftskriminalität bezeichnet strafbare und nicht-strafbare Handlungen im wirtschaftlichen Umfeld, bei denen finanzielle Vorteile erlangt oder wirtschaftliche Schäden verursacht werden. Sie tritt sowohl innerhalb von Unternehmen als auch durch externe Täter auf und betrifft Organisationen aller Größen, vom kleinen Familienbetrieb bis zum Konzern. Es handelt sich um Verstöße gegen Gesetze oder interne Vorgaben.
Wirtschaftskriminalität kann zum Vor- oder Nachteil von Organisationen begangen werden. Nicht immer entsteht ein Schaden oder bleibt ein Schaden bestehen.
Typisch für Wirtschaftskriminalität ist, dass sie:
verdeckt stattfindet
häufig über längere Zeiträume unentdeckt bleibt
auf Vertrauen, fehlende Kontrollen oder Prozesslücken aufbaut
TäterInnen sind oft gut integriert, verfügen über Fachwissen und kennen interne Abläufe sehr genau. Genau das macht Wirtschaftskriminalität so gefährlich.
Wirtschaftskriminalität wird auch als Fraud oder White Collar Crime bezeichnet. Umgangssprachlich wird von Betrug gesprochen. Eine abschließende einheitliche Definition des Begriffs existiert aktuelle nicht.
Weitere Infos und Spannendes rund um Wirtschaftskriminalität, sowie aktuelle Fälle, erfahrt ihr auch im Podcast Fraud Decoded.
Welche Arten von Wirtschaftskriminalität gibt es?
Wirtschaftskriminalität ist kein einzelnes Delikt, sondern ein Sammelbegriff für unterschiedliche Tatformen. Eine abschließende Definition und Aufzählung existiert nicht. In der Praxis treten diese häufig kombiniert auf.
Beispiele sind:
Betrug
Betrug liegt vor, wenn jemand durch Täuschung einen Vermögensvorteil erlangt. Das kann extern erfolgen, etwa durch gefälschte Rechnungen oder Fake-Lieferanten, oder intern, z. B. durch manipulierte Abrechnungen oder falsche Angaben.
Im Volksmund (umgangssprachlich) werden auch Tatbestände von Untreue, Diebstahl und anderes als Betrug bezeichnet. In Österreich ist der Betrug unter § 146 StGB geregelt. TäterInnen werden oft als BetrügerInnen bezeichnet.
Untreue und Veruntreuung
Bei Untreue oder Veruntreuung missbrauchen Täter eine ihnen anvertraute Position. Typische Beispiele sind:
private Nutzung von Firmengeldern
unberechtigte Überweisungen
systematisches Abschöpfen kleiner Beträge
Diese Delikte entstehen fast immer dort, wo eine Person zu viel Macht, zu wenig Kontrolle und hohes Vertrauen hat.
Bilanz- und Rechnungslegungsbetrug
Hier werden Zahlen bewusst manipuliert, um:
Ergebnisse besser darzustellen
Verluste zu verschleiern
Zielvorgaben zu erfüllen
Bilanzbetrug betrifft nicht nur börsennotierte Unternehmen. Auch kleinere Organisationen sind betroffen, etwa wenn Druck auf Führungskräfte besteht oder Kontrollmechanismen fehlen.
Geldwäsche
Geldwäsche bedeutet, dass illegal erwirtschaftetes Geld in den legalen Wirtschaftskreislauf eingeschleust wird. Unternehmen können dabei bewusst oder unbewusst als Instrument genutzt werden, etwa über:
Scheinrechnungen
komplexe Zahlungsströme
Auslandskonstruktionen
Besonders risikobehaftet sind Branchen mit vielen Transaktionen oder internationaler Ausrichtung.
Korruption und Bestechung
Korruption liegt vor, wenn Entscheidungen nicht nach objektiven Kriterien, sondern gegen Vorteile getroffen werden. Dazu zählen:
Kick-back-Zahlungen
Vorteilsgewährung
Bevorzugung von Geschäftspartnern
Korruption schadet nicht nur finanziell, sondern zerstört Vertrauen, Wettbewerb und Unternehmenskultur.
Mehr Arten von Fraud findet ihr im Fraud Tree der ACFE.
Wie häufig ist Wirtschaftskriminalität wirklich?
Wirtschaftskriminalität ist kein Ausnahmefall. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil aller Unternehmen bereits betroffen war, viele sogar mehrfach. Unternehmen verlieren pro Jahr ca. 5 % des Umsatzes durch Wirtschaftskriminalität.
Besonders problematisch:
viele Vorfälle werden nicht erkannt
andere werden nicht gemeldet, aus Angst vor Imageschäden
der tatsächliche Schaden liegt oft deutlich höher als zunächst angenommen
Gerade kleine und mittlere Unternehmen sind gefährdet, weil sie oft weniger formalisierte Kontrollen haben.
Alle zwei Jahre bringt die ACFE den Report to the Nations heraus, wo aktuelle Zahlen zum Thema Wirtschaftskriminalität hervorgehen.
Wer begeht Wirtschaftskriminalität?
Ein weitverbreiteter Irrtum ist, dass Wirtschaftskriminalität fast ausschließlich von außen kommt. In der Praxis zeigt sich ein anderes Bild:
Interne TäterInnen nutzen ihre Position, ihr Wissen und das Vertrauen aus
Externe TäterInnen greifen Systeme, Prozesse oder Mitarbeitende gezielt an
Kollusionen verbinden interne und externe Akteure
Besonders riskant sind langjährige Mitarbeitende in Schlüsselpositionen, bei denen Kontrollen „aus Vertrauen“ reduziert wurden.
Der typische Täter ist gemäß Report to the Nations und anderen Studien männlich, zwischen 35 und 45 Jahren und im mittleren Management.
Woran erkennt man Wirtschaftskriminalität?
Wirtschaftskriminalität kündigt sich selten laut an. Stattdessen zeigen sich schleichende Warnsignale, sogenannte Red Flags.
Typische Anzeichen sind:
Leben über die eigenen Verhältnisse
Enge Beziehungen zu Kunden/Lieferanten
Weigerung, Verantwortung abzugeben oder Einsicht zu gewähren
Kaum Abwesenheiten (kein Urlaub, Krankenstand)
Ein einzelnes Signal ist noch kein Beweis, mehrere zusammen sind jedoch ein ernstzunehmendes Warnzeichen.
Wie kann man Wirtschaftskriminalität wirksam verhindern?
Prävention als strategische Aufgabe
Wirksame Prävention bedeutet nicht Misstrauen, sondern professionelle Unternehmensführung. Dazu gehören:
Gelegenheiten minimieren
klare Verantwortlichkeiten
dokumentierte Prozesse
nachvollziehbare Entscheidungen
regelmäßige Schulungen
Je klarer Regeln und Erwartungen sind, desto geringer ist der Handlungsspielraum für TäterInnen.
Organisatorische und technische Maßnahmen
Zu den bewährten Schutzmaßnahmen zählen:
Trennung von Funktionen (Vier-Augen-Prinzip)
regelmäßige Prüfungen und Reviews
Datenanalysen und Plausibilitätsprüfungen
funktionierende Hinweisgebersysteme
Code of Conduct / Verhaltenskodex
Wichtig ist, dass diese Maßnahmen gelebt und nicht nur dokumentiert werden.
Was tun bei Verdacht auf Wirtschaftskriminalität?
Bei einem Verdacht zählt vor allem eines: besonnen, aber konsequent handeln.
Das bedeutet:
keine vorschnellen Anschuldigungen
Sicherung von Daten und Unterlagen
Einbindung unabhängiger Expertise
strukturierte Aufarbeitung
Ein professioneller Umgang schützt nicht nur vor rechtlichen Fehlern, sondern auch vor Eskalationen und Reputationsschäden.
Welche Folgen hat Wirtschaftskriminalität für Unternehmen?
Die Auswirkungen gehen weit über den finanziellen Schaden hinaus:
Vertrauensverlust bei Kunden und Partnern
Imageschäden
interne Konflikte
rechtliche Konsequenzen für Führungskräfte
Oft ist der immaterielle Schaden langfristig größer als der unmittelbare finanzielle Verlust.
Fazit: Wirtschaftskriminalität ist beherrschbar
Wirtschaftskriminalität entsteht dort, wo Gelegenheit, Druck und fehlende Kontrolle zusammentreffen. Sie ist kein Zeichen von schlechtem Management, aber mangelnde Prävention ist eines.
Unternehmen, die Risiken kennen, Strukturen schaffen und offen mit dem Thema umgehen, sind deutlich widerstandsfähiger.
Für Unterstützung bei einem Fall wenden Sie sich gerne vertraulich an Martina Leitgeb, MA MA unter m.leitgeb@mlg-consulting.at oder der Telefonnummer auf der Homepage www.mlg-consulting.at.
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